Seltenes Monument
Oratorium in Karlsruhe
Als Kantor Christian-Markus Raiser seine weit ausgebreiteten Arme langsam sinken ließ, in der ergriffenen Stille seiner Zuhörer, war es vollbracht: Mehr als 70 Jahre nach seiner Wiener Uraufführung im Jahr 1938 erklang das opus summum des österreichischen Komponisten Franz Schmidt nun zum ersten Mal in Karlsruhe:
Das Oratorium “Das Buch mit sieben Siegeln” war gleichsam doch in die Fächerstadt zurückgekehrt, in die frühere Wirkungsstätte eines seiner Hauptprotagonisten, des früheren Hofkapellmeisters und Leiters des Bachchores Josef Krips, der es 1954 in den USA erstmalig aufführte und dessen Witwe Marrietta Krips der Aufführung in der Evangelischen Stadtkirche beiwohnte.
Die Musik des österreichischen Komponisten Franz Schmidt (1874 bis 1939)ist ein Titanenringen mit der gespaltenen Musiktradition des 19. Jahrhunderts. In seinem Oratorium klingt Brahms ebenso nach wie Wagner oder Zemlinsky, wird die Tradition genauso zusammengefasst wie die damalige Moderne eingesetzt, doch wollte diese Siimmierungskunst, hinter der sich ein singbares Komponistenportrait eher verbirgt, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges niemand mehr hören; und seine Aussage schon gar nicht in einer Zeit, die meinte, ohne Trost auskommen zu können. Schon vor diesem Hintergrund war die Aufführung in einem Gotteshaus, dessen Kriegsnarben nur umbaut sind, ein ergreifendes Erlebnis.
Schmidts Oratorium vertont in enger Anlehnung an den biblischen Text Motive der Offenbarung des Johannes. Das tröstliche „Seht! Ich mache alles neu!“ ist die eigentliche Botschaft, der Schmidts Monument nachstrebt. Auf menschlich-künstlerische Begrenzungen nimmt er dabei keine Rücksicht. Eine Chorfuge jagt die andere, immer komplexer werdend, Rhythmus- und Stilwechsel lösen einander, dem Text folgend, ab und stellen den Dirigenten, aber vor allem auch den Chor, vor eine fast unlösbare Aufgabe.
Doch unter Raisers so leidenschaftlich bewegter wie souveräner Führung erhoben der Bachchor Karlsruhe im Verein mit der Melanchthonkantorei Mannheim (einstudiert von KMD Christiane Brasse-Nothdurft) eine machtvoll tönende Stimme und die Camerata 2000 legte das sinfonische Fundament dieses monumentalen Werkes.
Die Solisten (Cornelia Ptassek, Sopran; Christiane Götz, Alt; Bernhard Gärtner, Tenor; Rudolf Rosen, Bass) waren durchweg gut gewählt allen voran, der mit kraftvoller Tenorstimme erzählende Daniel Kirch (Johannes).
Den anspruchsvollen Orgelpart meisterte Lukas Stollhof an der großen Steinmeyer-Orgel. Rund 230 Musiker boten ihrer Zuhörerschaft ein einmaliges und überwältigendes Musikerlebnis: Im Stehen wurden für eine musikalische Sisyphus Arbeit, die den Gipfel erreichte, Ovationen gespendet.
Claus-Dieter Hanauer